17.06.2009 Pressemitteilung 12-09
Bundesweite Schüler- und Studentenproteste: Freie Wähler fordern grundlegende Reformen der Bildungspolitik
10 Jahre Bologna-Prozess – 10-Punkte-Programm der Freien Wähler für Reform
München, 17. Juni 2009 Erneut protestieren Schüler und Studenten im ganzen Land gegen die Bildungskrise. Die Freien Wähler fordern im Kanon mit Bildungsexperten, Lehrern, Professoren und der Wirtschaft seit Jahren grundlegende Reformen für den Bildungsstandort Bayern.
Angesichts einer ins zehnte Jahr gehenden Bologna-Reform der Studiengänge und Hochschulabschlüsse stellt der hochschulpolitische Sprecher der FW-Fraktion im Bayerischen Landtag, Prof. Dr. Michael Piazolo, zu diesem Bildungsfeld ein 10-Punkte-Reformpaket vor.
Piazolo: „'Bologna ist ein Riesenkäse' – dieses Zitat aus dem Mund des ehemaligen bayerischen Wissenschaftsministers Thomas Goppel bringt die Versäumnisse bayerischer Hochschulpolitik für mich auf den Punkt. Mit Blick auf die übereilte und häufig wenig durchdachte Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge stellt dies zwar ein ungewöhnliches Eingeständnis eigener Fehler dar, gibt aber auch Hoffnung für ein baldiges Gegensteuern.“
Der Münchner Hochschulprofessor untermauert seine Kritik mit eigener beruflicher Praxis: „Studiengänge, die bereits umgestellt sind, verfehlen die Bologna-Ziele vielfach. Die Lehrpläne sind inhaltlich überfrachtet und verschult.“ Die Studierenden litten, so seine Erfahrung, unter einer viel zu hohen direkten Arbeitsbelastung, hätten neben Vorlesungen und Klausuren kaum noch Zeit für Studentenjobs oder gar ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft, von weiterführenden Erfahrungen wie etwa Bildungsreisen und Auslandssemestern ganz zu schweigen. „Auch wenn die bayerische Staatsregierung mittlerweile die Verantwortung für den Bologna-Prozess gerne mit dem Verweis auf die Mehrheitslage im Bund von sich weist. Sie trägt eine erhebliche Mitschuld an den Missständen“, so sein Vorwurf.
Noch sei jedoch Zeit, so Piazolo, das Steuer herumzureißen und die ursprünglich hoch gesteckten Ziele der Hochschulreform mit Leben zu füllen. Seine Vorstellung: „Wir müssen aus dem realitätsfernen Bologna-Prozess einen praxisnahen Münchner Prozess machen. Bayern muss zum Vorreiter bei einer Reform der Reform werden und damit selbst europaweit attraktive Bachelor- und Masterabschlüsse anbieten!“
Zehn Schwerpunkte bilden für Professor Piazolo den grundlegenden Maßnahmenkatalog:
- Grundsätzlich: Bachelor- und Masterstudiengänge für das Erststudium gebührenfrei anbieten
- Kurze Dauer des Bachelor-Studiums durch höhere Qualität des Studierens kompensieren:
- Unterricht in kleinen Gruppen mit hochkarätiger Betreuung;
- Lehrpersonal an den bayerischen Hochschulen nachhaltig aufstocken;
- pädagogische und fachliche Weiterbildung für Hochschuldozenten verpflichtend einführen;
- Qualitätssicherung in der Lehre optimieren;
Räumlichkeiten ausbauen; - die allgemeine Ausstattung modernisieren.
- Inhaltliche Überarbeitung der Studiengänge, um Freiraum für die Studierenden zu schaffen:
- Vor- und Nachbereitungszeit bei der Berechnung der Arbeitsbelastung im Studium einbeziehen;
- Präsenzzeiten reduzieren;
- starre Stundenpläne flexibler gestalten und eigenverantwortliche Auswahl von Inhalten ermöglichen;
- Anzahl der Prüfungen pro Semester reduzieren.
- Förderung von bürgerschaftlichem Engagement:
- Vergabe von ECTS-Punkten für gesellschaftliches Engagement von Studierenden;
- Integration gemeinwohl-orientierter Projekte in das Studium.
- Anreize bieten für studentische Mobilität, insbesondere für ein Studium im europäischen Ausland:
- Teilstipendien für Auslandsaufenthalte flächendeckend anbieten;
- verstärkt Kooperationen mit Hochschulen im europäischen Ausland eingehen;
- strukturelle und inhaltliche Integration eines Auslandsaufenthalts in den Lehrplan;
- großzügige Anerkennungspraxis von im Ausland erworbenen Studienleistungen einführen;
- Vermeidung zu sehr spezialisierter Bachelor-Studiengänge für eine bessere Vergleichbarkeit von Abschlüssen.
- Umstellungsgewinner schaffen:
- Ausreichende Studienangebote für verbliebene Diplom- und Magisterstudierende;
- großzügige Anerkennung von Leistungen für ein Bachelorstudium nach Einstellung des regulären Diplom- und Magisterstudienbetriebs.
- Profilbildung im Hochschulwettbewerb:
- Fachhochschulen setzen auf praxisbezogene Lehre und daneben auf anwendungsorientierte Forschung;
- Universitäten vermitteln überwiegend theoretisches Wissen und legen den Schwerpunkt auf Forschung.
- Arbeitsmarktchancen erhöhen:
- Konzentration auf fachbezogene Praxisprojekte;
- Integration dieser Projekte ins Studium und Betreuung durch Dozenten;
- Imagekampagne für Bachelor-Absolventen bei kleinen und mittelständischen Unternehmen.
- Sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Politik und Hochschulen bei der Umsetzung des Reform-Prozesses:
- Hochschulen nutzen ihre Freiheit bei der Gestaltung der Studiengänge zur Profilierung, entwickeln Nischenangebote und lernen von den besten Lösungen im Wettbewerb.
- Die Politik unterstützt die Hochschulen in der Umsetzung der Reformen durch Beratung, kompetentes Management und vor allem mehr finanzielle Mittel für Personal, Sachaufwand und Räumlichkeiten.
- Schnelle Klärung drängender und offener Fragen:
- Sind Zulassungsbeschränkungen zum Master rechtmäßig?
- Soll ‚Bachelor‘ oder ‚Master‘ zum Regelabschluss bisheriger Staatsexamensstudiengänge und Studiengänge mit nachfolgender Berufszulassung durch eine Kammer werden?
- Wie lassen sich die Staatsexamensprüfung integrieren?
- Sind konsekutive Masterstudiengänge sinnvoll oder wird damit der Bachelorabschluss zur ‚Zwischenprüfung'?
